setzt sich nieder auf mein ... Fensterbrett?!
Einen ungewöhnlichen Übernachtungsgast bescherrte mir der vergangene Sonntagabend. Da die Baumaßnahmen an unserem Wohnhaus endlich vorüber und meine Fenster nicht mehr mit einer Plastikfolie abgeklebt waren, genoss ich es regelrecht die frische Sommerluft durch das weit geöffnete Fenster in meine Wohnung strömen zu lassen.
Nichtsahnend saß ich auf meiner Couch und studierte das Fernsehprogramm als ich ein kurzes Flattergeräuch wahrnahm. Dachte mir nichts weiter dabei. Es wird ein Vogel am Fenster vorbei geflogen sein. Nichts sonderbares.
Einige Momente später lief ich in Richtung Fenster um irgendetwas zu holen. Als ich aufschaute entdeckte ich plötzlich ein in die Ecke geknietschtes graues Wollknäuel auf dem Fensterrahmen sitzen. Ich erschrak kurz. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich näherte mich etwas und befand mich unversehens auf Augenhöhe mit einer ... ja, Taube.
Diesem Tier, dessen Artgenossen abwertend als geflügelte Stadtratten bekannt sind, war ich etwas skeptisch gegenüber. Schließlich gibt es das Vorurteil, dass besonders Tauben unschöne Krankheiten übertragen können. Sie gelten gar als schmutzig. Doch diese Taube sah nicht aus wie jene die man von menschenüberlaufenen zentralen Plätzen in Großstädten kennt. Außerdem schaute sie zwar aufmerksam zu mir als ich näher kam, schien aber keine Angst zu haben. War sie womöglich Kontakt mit Menschen gewöhnt? Kurioserweise hatte ich am Tag zuvor in der Kindersendung des Deutschland-Radios, dem Kakadu, eine Reportage über Brieftaubenzüchtung gehört. Dabei habe ich gelernt, dass Brieftauben zwei Ringe an den Füßchen tragen. Auf dem einen Ring steht eine ID-Nummer, die den Züchter eindeutig identifiziert und auf dem anderen die Telefonnummer des Züchters, damit man ihn schnell informieren kann, wenn man eine seiner Tauben findet und die womöglich verletzt ist.
Mit diesem Wissen bewaffnet betrachtete ich den geflügelten Besucher etwas genauer und siehe da: Tatsächlich zwei Ringe an den Füßen. Was jetzt, Herr Specht?! ... Verzeihung, Taube. Einfangen oder Sitzen lassen? Verletzt schien das Tier nicht zu sein. Sie ruhte sich also nur aus. Dennoch, die Neugier siegte. Wo kam das Tier her? Wie weit war es geflogen? Um das herauszufinden, musste man die Nummern, die auf den Ringen standen, haben. Also, kurzerhand das Tier eingefangen ... na ja, versucht, es einzufangen. Von dieser Idee war das Täubchen nämlich alles andere als begeistert und flatterte nun in meiner Wohnung hin und her, ließ sich ab und zu nieder, tapste über das Laminat um irgendwann Halt im Bücherregal zu machen und ein kleines Chaos zu veranstalten, sodass dort gelagerte Medien herausfielen. Schlimmer als eine Katze, dachte ich.
Irgendwann war sie dann sicher gepackt. Das Daunengefieder ist so unendlich flauschig, wie das Rückenhaar eines Engels. Schnell die Nummern notiert und den Vogel wieder auf seinen Platz gesetzt. Als nächstes surfte ich auf die Seite des
Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter e.V. um nach dem Züchter zu recherchieren. Die Züchter-ID begann mit CH. Oha, eine Brieftaube aus der Schweiz! Auf der Webseite kann man zunächst die Telefonnummer eines sogenannten Vertrauensmannes in der Umgebung herausfinden. Diesen angerufen, obwohl ich es schon recht spät für sonntägliche Anrufe fand. "Lassen Sie die Taube sitzen und stellen sie ihr etwas Wasser und zu fressen hin." Okay, gesagt, getan. Ein Schälchen mit Wasser ist schnell gemacht. Doch für die kulinarische Erstversorgung einer Taube bin ich nicht gerüstet. Vogelfutter hatte ich nicht. Toastbrot war nach anfänglicher Erwägung eher ungeeignet. Also lief es auf Linsen und Reis hinaus. Trotz dem die Schälchen im unmittelbaren Sichtfeld der Tauben aufgestellt waren, ignorierte sie sie zunächst.
Weiterhin meinte der Mann am Telefon, die schweizerische Nummer hätte nichts zu sagen. Der Züchter kann trotzdem aus Deutschland sein, nur gehört er wohl zum Schweizer Brieftauben Verein. Also mal nach der Telefonvorwahl des Züchters recherchiert. In der Tat: Südliches Baden-Württemberg an der Schweizer Grenze. Um dem sicherlich besorgten Züchter wissen zu lassen, dass sein Täubchen nicht gänzlich abhanden gekommen ist, diesen auch noch angerufen und informiert. Er erzählte vom heutigen Testflug seiner Jungvögel, der 100 Kilometer nord-westlich von Heidelberg startete und dass er noch auf einige Tiere warten würde. Zumindest wusste er nun Bescheid, dass eine seiner Tauben das Nachtlager bei mir aufgeschlagen hatte.
Zu späterer Stunde begab ich mich zur Nachtruhe. Darauf schien die Taube gewartet zu haben. Denn sobald das Licht ausgeschaltet war, steckte sie ihr kleines Köpfchen ins Gefieder und entglitt schnurstracks in Morpheus Lande.
Am nächsten Morgen wachten wir zeitgleich auf. Ich beobachtete sie eine Weile. Sie begann sich sorgfältig zu putzen. Dann tapste sie in die hingestellten Schalen, aß und trank. Ich schmunzelte und dachte: Wie ein Mensch. Erst die Morgentoilette, dann ein Frühstück. Und dann? Menschen gehen zur Arbeit ... Sie schaute auf die langsam wachwerdende Nachbarumgebung, saß noch einen Augenblick da. Wie friedlich sie aussah ... Dann flog sie davon und mit ihr ein kleines Seufzen meinerseits. Hatte ich das Tier doch liebgewonnen. Ich räumte die Hinterlassenschaften weg und wünschte ihr insgeheim alles Gute für die Heimreise.